Jón Gnarr
Island

„Wenn wir groß sind, werden wir nach Arizona übersiedeln und wie echte Indianer im Reservat leben. Stebbi hat sogar eine Indianertracht, die seine Mama für ihn genäht hat. Aber er kann sie nicht anziehen, weil sie ihm schon zu klein ist.
Ich läute an. Seine Mama kommt an die Türe.
- Ist Stefán zu Hause?
Ich achte darauf, ihn nicht Stebbi zu nennen. Dann sagt seine Mama nämlich, dass hier kein Stebbi wohnt. Sie will, dass er Stefán genannt wird.
- Hast du eine lange Unterhose an?
- Ja.
Ich ziehe das Hosenbein hoch und zeige sie ihr. Stebbis Mama ist eine gute Frau. Sie ist streng, aber dennoch gut. Sie will nicht, dass mir kalt wird. Viele Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder mit mir spielen. Manche verbieten das sogar.
- Magst dabei sein?
- Nein, ich darf nicht mit dir spielen.
- Warum nicht?
- Mama hat es verboten.
(aus: Indjáninn)

Jón Gnarr (*1967 als Jón Gunnar Kristinsson) ist Schrifsteller und Schauspieler. Als Bürgermeister von Reykjavík (2010-2014) mit Punkvergangenheit wurde er weltberühmt. Derzeit lebt Jón als Writer in Residence in Houston Texas.

Jón Gnarr ist als Künstler facettenreich, als Politiker war er gradlinig. In seinem semibiographischen Werk, das er bei „Die bestesten Kinder der Welt“ vorstellt (Indjáninn, 2006 und Sjóræninginn, 2012), zeichnet er das Bild eines Kindes, das in der Gefahr schwebt, aufgegben zu werden.
Anarchisch, unbeholfen, andersartig: So lässt sich das Kind, das zu Jón Gnarr wird, beschreiben. Die Gesellschaft wählt die ärztliche Expertise, um seine Persönlichkeit zu fassen. Die Diagnose „Maladaptio“ ist von deplaziertem Trotz. Dass aus dem jungen Punk der Held wird, der Island aus der tiefen Depression eines Finanzcrashs herausführt, ist einem Ethos zu verdanken, das aus dem Punk kommt, der mit kindlichen Idealen angereichert ist. Gefördert hat Jón Gnarrs politische Entwicklung eine Trilogie aus Fernsehserien - “Næturvakt”, “Dagvakt” und “Fangavakt” - sowie der Film “Bjarnfreðarson”. Darin perfektioniert er das Bild eines Verlierers, der mit kindlicher Beharrlichkeit an seinen verqueren Idealen festhält. Jón Gnarr erschien vielen Landsleuten daher als Kunstfigur, als Zwilling des Bjarnfreðarson aus den Filmen. Die Kindlichkeit, in die manche Aktionen seines Bürgermeisteramtes gekleidet waren, überhöhten die unschuldige Integrität des Protagonisten. Sie hatte großen Anteil an seinem Erfolg.

Deutsche Übersetzungen

Indianer und Pirat (Klett-Cotta)
Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte (Klett-Cotta)